Heilpraktikerin für Psychotherapie (HeilprG)
Gesprächstherapie, Traumatherapie, spirituelle Beratung, Paartherapie

Blog

Mich berührt Menschliches – in seiner Normalität, in seiner Größe, Feinheit und Brutalität. Und davon möchte ich hier erzählen.
Und daran will ich mich erinnern, jedes Mal bevor ich mich hier ausdrücke.

Wir wachsen in unser menschliches Potential nur, indem wir uns dem Risiko aussetzen zu fühlen. Offenheit. Mein Ausdruck wird verschiedene Formen annehmen, fein, aber auch heftig. Menschlich eben. Jeder wird es anders empfinden. Auch für mich ist das immer wieder neu, ein Risiko, ein Abenteuer, aber vor allem Freude.

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2022-03-04

Frieden

Von Vielen bekomme ich seit ein paar Tagen, seit der russische Einfall in die Ukraine begonnen hat, alle möglichen Aufrufe …. Petitionen zu unterschreiben, „wir müssen einen Aufruf starten! Schick mal den schönen Song von Udo Lindenberg weiter!“ „Es muss etwas passieren!“

Plötzlich sind alle FÜR den Frieden. Plötzlich macht jemand sichtbaren offensichtlichen Unfrieden – und aktiviert die Angst-Drüsen der Menschen. Dann - erst dann - haben alle plötzlich eine gemeinsame Meinung: Frieden muss her – koste es was es wolle, wir tragen auch Poster, auf denen Putin am Galgen hängt. Frieden.  Alle Geister aller verschmelzen in der wunderbaren Idee des Friedens. Eine Idee im Geist „Frieden“!?  Die Dualität – der Widerspruch an sich, der immer mitschwingt: wenn ich ‚Tag‘ denke, dann ist die Idee der ‚Nacht‘ immer mit dabei. So funktioniert der Geist. Krieg – Frieden!

Ich bitte Sie/Euch um Verstehen. Es ist nicht so, dass ich das alles nicht nachempfinden kann. Auch ich habe ein Sehnen nach friedlichem Zusammenleben und habe oft den Wunsch in meinem Geist, dass ein großer Friede auf diesem Planeten möglich sei. Ich schätze die relative Entspannung eines gleichmäßig gut versorgten Tageslaufs. In dem ich mich mit meinem eigenen inneren Krieg befassen kann. Selbstvorwürfe, Antreiben zur Verbesserung, zerbrechende Freundschaften, Missverständnisse, und Wünsche nach verstanden-werden – meinerseits und von anderen, ankommen irgendwann irgendwo in Frieden …

Für mich haben wir nie im Frieden gelebt. Natürlich kommt es darauf an, wie wir es definieren. Gut, keine Bomben in der Nacht. Aber Schlaflosigkeit – die gibt es. Körperliche Gewalt, psychische Gewalt, Demütigung, Lüge, Verzweiflung, Hass, Rache, Trauma, Missbrauch – alles das, was ich durchlebt habe, als Opfer und als Täter, was ich tagtäglich in meiner Praxis höre – sind das etwa keine Bomben in der Seele von Menschen? Als wenn wir im Frieden gelebt hätten. Haben wir nicht.

Und ich gebe zu: auch ich kann nur Schritt für Schritt gehen, auch ich gehe gerne mal einen Umweg, damit ich meine eingebildeten Ängste nicht ansehen muss, meine eigenen großen Reste von Unfrieden, mein Schweigen, wenn ich bemerke wie sich ein Freund/Freundin selbst belügt – so belüge ich mich selbst. Ach, ich habe eben Angst! – so kann ich mich entschuldigen. Meistens ist es mir nicht klar, nicht offensichtlich, nicht bewusst. So ist das – auch das ist menschlich - bequem.

Ist das arrogant? – Ja, mancher mag das so sehen, dass ich arrogant bin, wenn ich mal hier sage, dass ich das alles seit Jahrzehnten vorausgesehen habe. Stellvertreter-Kriege seit Jahrzehnten, Ausbeutung unseres Planeten, die Ausbeutung von Menschen (Männer, Frauen, Kinder) für den Luxus der Welt, Aufteilung der Welt in Armut und materiellen Wohlstand, Manipulation des Geistes und der (ja, auch der eigene) Versuch der Ausrottung der Seelen-Qualität der Wahrheitsempfindung, um die Ausbeutung (ja, auch von sich selbst!) beibehalten zu können. Und das passiert nicht von irgendwelchen Bösen, die uns das antun, das beginnt in uns selbst.

Und ich mache hier niemandem und auch mir nicht Vorwürfe – jetzt ist es so weit, dass ich spüre, dass die Kraft kommt, mich zu öffnen, dies hier zu schreiben. Friede beginnt in uns, in unserem Herzen, und das wäre dann keine nur wunderbare Idee von Frieden, sondern gelebte Wahrheit. Sich trauen die Wahrheit seiner selbst zuzugeben, vor sich selbst, vor anderen und die Konsequenzen zu tragen.

Ich wäre gern früher in meiner eigenen Bewertung eine Art Superstar gewesen. Und wie schlecht muss es einer Frau gehen, die sich nur in die Idee retten kann, dass sie als nächstes einen Pelzmantel haben muss, der farblich zum Hund passen soll? Wie schlimm muss es sein, die Realität des Alltags nicht anders ertragen zu können als sich für Stunden in Boutiquen oder Kaufhäusern betäuben zu können, sich in Träume von der Repräsentation seines eigenen Images flüchten zu können, sprich zu hoffen, dass andere einen bewundern für das Image - wenigstens das, wenn auch nur für ein paar Stunden. Mit so wenig kann man zu-frieden sein. Frieden hat es in mir lange – auch nicht ansatzweise - gegeben. Das Grauen. Und es hat lange gedauert bis stetiges Hinfühlen in Therapie und Klärung in Meditation einen kleinen Schlitz in die Fluchtträume und Fluchtentschuldigung möglich machte.

Ja – und vielleicht ist Leid das Einzige, was die inneren Augen öffnet. Nur diese und das Herz erlauben Leid mitzufühlen, wenn man weiß, wie es sich anfühlt, wenn man alles verloren hat, dem Tod (wenn auch ‚nur‘ dem inneren seelischen!) gerade so entronnen ist, Demütigung erlitten hat, seelische Kälte ertragen musste und sich natürlich dann später selbst hinter einer Schutzmauer von Kälte verbarrikadiert hat. Wer will das schon ständig fühlen?  Natürlich nicht. Auch das kann ich mitfühlen, den Wunsch, einfach nur wegzurennen oder sich zu rächen zu wollen.

Und doch:  das zu kennen, kann das Herz öffnen, falls man sich wieder berühren lassen möchte.  Aber nur wenn man selbst das Grauen verarbeitet, dann erst besteht die Möglichkeit zum Mitfühlen mit dem anderen Menschen - meiner Schwester, meinem Bruder, meinem Nachbar, dem Fremden – scheinbar ‚fremd‘. Wir alle wollen leben.

Frieden im eigenen Herzen würde uns befähigen mitzufühlen. Vor allem erst mal mit uns selbst. Das ist der Beginn. Habe ich Mitgefühl mit mir selbst? Wie sehe ich mich?

Frieden - ein großes Projekt, das mit einem kleinen Schritt von jedem selbst hinein in sich selbst beginnt.

Wie sagt mein Lehrer OM: 

‚Sicherheit oder Leben?‘

(OM Cedric Parkin aus: „Donnerschlag und Tempelstille“, Advaita Media)

Und das ist dann noch mal eine andere Ebene.
Ich wünsche uns allen Frieden.

Bettina Gosslich - 12:35:55 @ Gedanken